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Foto: HASAN ASLAN

Warum werden in der Türkei AlevitInnen getötet?

Zusammengefasst sind es die AlevitInnen, die bis heute von diesem Feuer verbrennt werden. Allerdings lautet der Gesamttenor der AlevitInnen folgendermaßen: „Dieses Feuer wird uns so lange verbrennen bis unsere Hände beginnen dieses Feuer zu verbrennen“, kurz: „Wir werden nicht aufhören Widerstand zu leisten und eines Tages wird die Gerechtigkeit siegen“.

Kommentar: HÜSEYİN ŞİMŞEK
Übersetzung: ZEYNEP ARSLAN*

Seit die Gezi Proteste im Sommer des vergangenen Jahres gestartet haben sind viele Menschen aufgrung von polizeilichen Übergriffen ums Leben gekommen. Ein Großteil der ermordeten Menschen gehörten dem alevitischen Glauben an: Etem Sarı Sülük, Berkin Elvan, Mehmet Ayvalıtaş, Abdullah Cömert, Ali İsmail Korkmaz, Uğur Kurt...Diese letzten Entwicklungen in der Türkei bezeugen abermals, dass AlevitInnen weiterhin Opfer von staatlichen Gewalttaten werden.

Die Buße, welchen die AlevitInnen heute bis zur Gegenwart zahlen ist keine Neuerscheinung in der Geschichte des Alevismus.  Dies hängt unmittelbar mit dem „Aleviten-Dasein“ selbst  zusammen. Es stellt sich die Frage, warum und welche Buße die AlevitInnen seit Jahrhunderten zahlen? Wogegen und wofür haben die AlevitInnen Zeit ihrer Existenz gekämpft? Warum werden sie Opfer von unzähligen Angriffen?  Dieser Text befasst sich mit eben diesen fragen. Einleitend möchte ich festhalten, dass meiner Ansicht nach für diese Fragen allein anhand der alevitischen Lehre selbst Antworten gesucht und gefunden werden kann.

Die Menschheit hat die Ungleichberechtigung, die Unterdrückung, die Interessenkonflikte von führenden Akteuren und die Ausbeutung erlebt und dagegen stets Widerstand geleistet. Jene, die Widerstand leisteten klammerten sich an gleichberechtige und basisdemokratische Lebensideale. Diese Art von historischen Gegebenheiten hat es vor und nach dem Alevismus gegeben. Der Alevismus zählt zu einer dieser widerständischen Bewegungen. Gerade zu Zeiten der Seldschuken, der Osmanen und der Republik – kurz eine Zeitspanne von ungefähr tausend Jahren – kann der Alevismus als eine Art „Aufklärungsbewegung“ in der Region aufgefasst werden. Zu allen drei Herrschaftssystemen waren die AlevitInnen der Einstellung, dass es „ein richtig funktionierendes Zahnrad in einer verwesenden Ordnung nicht geben kann“. Die meisten aufständischen Bewegungen in diesen Zeiten wurden von alevitischen Mentoren angeführt. Die AlevitInnen waren mehr als ein nur „für sich lebendes Volk“. Sie sahen sich als Teil des Ganzen und nahmen auch die Ungerechtigkeiten, welche gegen die „nicht dem herrschenden Diskurs entsprechenden so genannten  „Anderen““ gemacht wurden, als ihre eigenen wahr und solidarisierten sich mit diesen.  

Die AlevitInnen haben die Idee „sich selbst zu sein“ und „das Recht sich selbst zu bleiben“ für die Allgemeinheit verteidigt. Die Geschichte ist dominiert von Stammeskonflikten, chauvinistischen, nationalistischen und rassistischen Einstellungen von diversen Gesellschaftsgruppen, die dieses Recht allein für sich beanspruchten! Der Alevismus hingegen begrüß(t)en das Nehmen und das Geben von anderen gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Werten und sehen diese Vielfalt als Reichtümer. Die Hauptader der alevitischen Lehre ist durch die Idee bestimmt, dass gemeinsame Probleme gemeinsam gelöst werden. Diese besondere Einstellung bildet das Lebensideal im Alevismus. Die Geschichte zeigt, dass es einer Unterscheidung zwischen den Angehörigen des Alevismus einerseits und der alevitischen Lehre andererseits bedarf. Insofern gerieten auch manche AlevitInnen mehrmals in Widerspruch mit ihren eigenen Werten. Es ist ein wichtiger Bestandteil der Lehre sich selbst immer wieder aufs Neue zu hinterfragten und zu besinnen. Jedoch konnten und können nicht alle Mitglieder ihrer Lehre immer und vollkommen treu bleiben.

Abgesehen vom Judentum ist die Mehrheit der Glaubensrichtungen multi-national und multi-ethnisch geprägt. Andersrum werden auch diverse ideologische und politische Ausrichtungen von multi-nationalen und multi-ethnischen Gruppen getragen. Zum Beispiel bestehen die Muslime zu einem großen Teil aus AraberInnen, PerserInnen, TürkInnen, KurdInnen, AserbaidschanerInnen und AlbanerInnen. Die ChristInnen bestehen zu einem großen Teil aus Deutschen, FranzösInnen, BritInnen, ItalienerInnen und SpanierInnen. Die AlevitInnen haben ethnisch gesehen hauptsächlich türkische, kurdische, arabische, aserbaidschanische und georgische Ursprünge. Jeder Glaube war bemüht unter dem Schirm „Religion“ verschiedene ethnische und nationale Zugehörigkeiten mit der Idee der „Geschwisterlichkeit“ zu vereinen. Diese Situation kann nicht wirklich als „internationalistisch“ gesehen werden, denn hier dominiert die religiöse Identität über die anderen Identitäten der Mitglieder. Darüber hinaus wird diese Geschwisterlichkeit in der eigenen Reihe, das heißt innerhalb einer Religion gepflegt. Die AlevitInnen jedoch können deutlich als „internationalistisch“  gesehen werden, denn sie akzeptieren jede Identität und Zugehörigkeit als gleichwertig, egal welcher Religion, Ethnie, Nation oder Geschlecht jemand angehört.  Es ist diese Haltung, welche die AlevitInnen dazu bewegt, sich mit anderen Unterdrückten stets zu solidarisieren. Die alevitische Lehre lehnt ungerechte Grundordnungen zur Gänze ab. Zu ihren aufständischen Bewegungen haben AlevitInnen die Unterstützung vieler unterdrückter Gruppen angenommen. Diese Einteilung ist ein wichtiger Grund, warum AlevitInnen bis heute stets Opfer von hegemonialen Angriffen werden.

Die AlevitInnen wurden Zeit ihrer Geschichte Angriffsfläche für hegemoniale Unterdrückung. Sie wurden unterdrückt, vertrieben und massakriert. Sie stehen für einen radikalen Systemwandel ohne Unterdrückung und ohne Ungleichheit. In diesem Hinblick sehen sie jeden und jede, die sie zur Solidarisierung und Unterstützung aufrufen, als gleichberechtigte Glieder der Gesellschaft. Insofern stellt sich aus der Perspektive der hegemonialen Akteure die Frage „Wer sonst, wenn nicht die AlevitInnen sollen angegriffen und Opfer werden?“. Damit zusammenhängend wurden in der Absicht zur Schwächung alevitischer Widerstände diverse Manipulationsversuche innerhalb der Gesamtgesellschaft in der  Türkei geübt. Es wurden Anschwärzungen, Hetzkampagnen und Pogrome gegenüber AlevitInnen geführt, um diverse Massaker seitens sunnitischer Extremisten zu provozieren und zu legitimieren (Beispiel: Die AlevitInnen sind Ungläubige. Sie zünden Moscheen an. Sie gehören getötet. Jeder, der einen Aleviten tötet, hat einen Platz im Paradies). Unterschiedliche Anlässe im Land wurden dazu eingesetzt die Aufmerksamkeit der Gesamtgesellschaft abzulenken. Gerade in diesen Zeiten wurden AlevitInnen Ziel von gewalttätigen Angriffen. Zuletzt wurde der Inhalt der Gezi Proteste manipuliert und in eine Richtung gelenkt, sodass erneut AlevitInnen Opfer von Gewalttaten wurden. In einem sunnitisch beherrschten Diskurs unter der AKP Regierung werden die abermals AlevitInnen als schwarzen Schafe der Gesellschaft schlechthin dargestellt; kurz: es wird eine AlevitInnen vs. SunnitInnen Atmosphäre und somit eine Polarisierung der Gesellschaft seitens der AKP Regierung provoziert.

Zusammengefasst sind es die AlevitInnen, die bis heute von diesem Feuer verbrennt werden. Allerdings lautet der Gesamttenor der AlevitInnen folgendermaßen: „Dieses Feuer wird uns so lange verbrennen bis unsere Hände beginnen dieses Feuer zu verbrennen“, kurz: „Wir werden nicht aufhören Widerstand zu leisten und eines Tages wird die Gerechtigkeit siegen“. Nicht nur die Türkei, sondern überall auf der Welt werden Freiheits- und Gleichheitskämpfe geführt. Auch die AlevitInnen führen ihren Kampf. Wichtig festzuhalten ist, dass dieser Kampf keine billigen Heldendarbietungen von gewissen Akteuren, die diese Umstände für ihre eigenen Interessen nutzen wollen verunreinigt und vom Weg abgeleitet wird. 

 

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* Hüseyin Şimşek und Zeynep Arslan: Vorstand der Alevitischen Akademie Österreich (AAA)   

 


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