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"Wir wollen eine Drehscheibe des Wissens sein“


Ercan Yalçinkaya von der Zeitung Öneri im Gespräch.

Wie positioniert sich Öneri innerhalb der türkischsprachigen Medien in Österreich?

In Wien gibt es mindestens 8 oder 9 türkische Zeitungen, die alle konservativ bis rechtsreligiös sind. Öneri ist die einzige linke, oder besser gesagt, demokratische und solidarische Zeitung, die der linken Ideologie nahe steht.
Bei Öneri arbeiten TürkInnen und KurdInnen und ÖsterreicherInnen mit, weniger Frauen als Männer, wobei sich dieses Verhältnis je nach Themenschwerpunkt auch manchmal umkehrt. Alle arbeiten ehrenamtlich, was teilweise dazu führt, dass die Motivation abnimmt, weil es schwierig ist, neben den Jobs zu recherchieren, Termine zu haben, zu schreiben – noch dazu auf Türkisch mit deutscher Tastatur, das ist ziemlich mühsam, aber das nur nebenbei. Wir haben einen Büroangestellten, der vom waff (Anm. Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds) zur Hälfte gefördert wird.

Wen wollt ihr mit Öneri ansprechen?

Zielgruppe sind natürlich Leute, die Türkisch lesen können, denn wir haben nur wenige deutschsprachige Artikel – alles zu übersetzen wäre zuviel. Es geht also um türkischsprachige MigrantInnen in Wien und auch anderen Teilen Österreichs, in Niederösterreich und Burgenland – wobei das mit zufälligen Kontakten zu TürkInnen und KurdInnen dort zusammenhängt. Inhaltlich sprechen wir natürlich Leute an, die so denken wie wir. Wir haben aber ein komplexes Verteilsystem in Lokalen und Geschäften in Kaffeehäusern und auf Märkten, wo uns alle lesen können – also erreichen wir auch Leute, die nicht links sind. Was wir so wissen, sind unsere LeserInnen eher jüngere Leute bis ca. 45 Jahre. Wir haben eine Printauflage von 5.000 Stück und eine Website, auf der die Printausgabe komplett nachgelesen werden kann.

Wir sind eine politische Zeitung, aber Thema ist Europa und Österreich, nicht die Türkei, denn wir wollen unseren Beitrag in Wien leisten. Wir schreiben viel über die MigrantInnen in Wien, ihre Probleme, z.B. bei neuen Gesetzen usw. Als Verein haben wir früher auch Deutschkurse für Frauen angeboten, und obwohl solche Kurse gefördert werden, haben wir irgendwann kein Geld mehr bekommen. Da ist der Kurs in die VHS „gewandert“. Migrantische Ideen übernehmen, vereinnahmen oder aushungern kommt ja öfter vor...

Wie ist Öneri entstanden?

Begonnen hat es mit Hüseyin Şimşek – er ist Mutter und Vater der Zeitung. Er hat schon in der Türkei Zeitung gemacht und dann hier gesehen, dass es nichts gibt. Er hat vor etwa 7 Jahren zunächst mit einer 4-seitigen Zeitung begonnen, musste dann aber aus finanziellen Gründen wieder aufhören. 2004 gab es die Neugründung in der heutigen Form. D.h. es gibt als Herausgeber den „Vorgarten Kulturverein“, wir erscheinen monatlich im A4-Format und mit 32 Seiten.

Wie bist du zu Öneri gekommen?

Ich selbst hab das lange beobachtet und gedacht, ich hab eh genug zu tun. Dann gab es vor einem Jahr diese Sonderausgabe, eine Kooperation mit „Stimme“ und „Falter“ zur Wahl, wo Senol Akkilic das Bindeglied war, da bin ich eingestiegen. Ich bin seit 2000 Kammerrat der Arbeiterkammer Wien und wir versuchen dort immer, was zu ändern, schreiben Anträge usw. Wir wollen Leute erreichen mit unseren Ideen und da ist eine Zeitung eben eine gute Bühne. Ich schreibe vor allem, wenn ich unbedingt was loswerden will.

Gibt es diese Kooperation mit „Stimme“ und „Falter“ noch?

Nein, im Moment nicht. Es gibt aber viel Austausch mit den türkischen Medien. Es ist ja eine enorme Entwicklung, diese 8, 9 Zeitungen sind erst in den letzten Jahren entstanden. Da sag ich schon, Respekt vor dieser Leistung, denn die erfüllen auch eine Aufklärungsfunktion, auch wenn sie politisch woanders stehen. Und Hakan Gürses von der “Stimme” schreibt regelmäßig seine Kolumne in Öneri.

Warum ist da gerade in der letzten Zeit so viel passiert? In der hiesigen linken freien Medienlandschaft hat sich ja rund um den Regierungswechsel im Jahr 2000 einiges getan, siehst du da einen Zusammenhang?

Ich glaube eher nicht, dass das damit zusammenhängt. Die Leute sind seit 40 Jahren da und irgendwann will man eine eigene Zeitung. Wenn ich mich nicht irre, war Öneri sogar die erste und hat damit Beispielwirkung gehabt. Was alle gemeinsam haben, sind die Kritik an der Migrationspolitik und bestimmte Forderungen, z.B. dass MigrantInnen nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte haben – da sind sich die Zeitungen wohl einig.

Gibt es eine weitere Vernetzung mit mehrheitsösterreichischen Medien?

Aktuell nicht, es wäre aber gut, wenn es da mehr gäbe. Die Arbeiterkammer-Zeitung hat eine Kooperation mit uns, nur spielt sich das so ab, dass wir Texte von ihnen übernehmen, sie aber nicht von uns.

Wie sehen eure Produktions- und Arbeitsbedingungen aus? Was sind die größten Probleme?

Es ist schwierig, eine Zeitung in dieser Auflage zu finanzieren, auch wenn wir die Kosten in letzter Zeit etwas redutziert haben. Die ehrenamtliche Arbeit ist schön, aber es geht auf Dauer an die Substanz, vor allem Geld aufzustellen, Inserate zu keilen. Wir haben es einige Zeit auch ohne Geld gemacht und uns dabei verschuldet, was natürlich ganz schlecht ist.

Migranten Medien werden als solche ja gar nicht gefördert, es kommt auf die Kontakte an. Bei uns ist es so, dass, wer Zeit hat, macht, was nötig ist. Alle arbeiten 40 Stunden, haben noch andere Aktivitäten oder Familie. Es ist wichtig, dass es die Zeitung gibt, die Inhalte sind gut, werden immer besser – aber wie lange geht es so noch? Wir müssen die Qualität sichern und dauernd neue Leute kriegen. Was wir gern hätten, wäre die Sicherung der Druckkosten, damit wir nur noch schreiben müssen.

Inserate kommen von türkischen Geschäften, manchmal von Parteien, aber bisher haben wir keine Förderung. Wir haben heuer erstmals um Presseförderung angesucht und hoffen, dass wir sie bekommen.

Wie sieht es mit der Stadt Wien als mögliche Förderungsgeberin aus?

Öneri gehört ja einem Verein, der auch andere Sachen von Veranstaltungen bis zu Deutschkursen macht. Da sind wir immer in Verhandlung mit der Stadt. Wir wollen ein Wiener Verein sein, wollen eine Drehscheibe sein, wo die Leute Bildung und Wissen bekommen. Da kam die Antwort der Stadt, sie wolle keine Eliten förden. Wir wollten gar nicht unbedingt direkt Geld, wir hätten auch einfach Inserate genommen. Man muss der Stadt politisch gesehen sehr nahe sein, um was zu kriegen. Ich sehe mich als Interessensvertreter der MigrantInnen, vor allem der Jugendlichen, aber eben nicht parteipolitisch.
Wir bräuchten eine grundlegende Änderung des Verständnisses seitens der Stadt, dass sie uns nicht als irgendwelche Linke abstempeln, sondern sehen, dass wir eine Aufgabe wahrnehmen, die wichtig ist. Ich bin auch sicher, dass ihnen die Zeitung gefällt. Aber das reicht uns nicht. Wir wollen Öneri noch länger als nur ein Jahr machen, es sollte gesichert sein, dass Öneri jeden Monat herauskommt. Das erwarten wir uns vor allem von der Stadt. Vom Bund erwarte ich gar nichts, damit hab ich mich abgefunden. Aber wir brauchen einfach Geld, da muss ich auch pragmatisch denken.

Zuletzt haben wir die Kampagne „Öneri-Freiwillige“ gemacht: Wir haben Leute gesucht, die uns einmalig unterstützen. Das hat schlecht geklappt. Die, die eh schon mitarbeiten, haben auch noch Geld hergegeben.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Was uns noch nicht gelungen ist, ist eine Plattform zu schaffen. Zu Beginn haben wir nämlich diskutiert: Wollen wir Zeitung machen, um damit Geld zu verdienen, oder wollen wir eine Plattform schaffen? Natürlich wollten wir die Plattform, aber wie können wir das machen? Können wir den Anspruch stellen, die Plattform für linke MigrantInnen zu sein? Wenn ich da sehe, was in den USA bei den Protesten für die Legalisierung und Rechte von MigrantInnen läuft: Millionen Menschen in einem funktionierenden Netzwerk! Bei uns gibt's nur kleine Netzwerke und wenig Einigkeit über die Forderungen. Wer hat die Zeit und die Ressourcen, um auch hier politisch was zu bewegen? Wir hätten es gern, schaffen es aber nicht.

Aber aktuell arbeiten wir an einem Schwerpunkt über Gewalt gegen Frauen, aus Anlass des Frauenmords in Deutschland. Die Gewalt, die sich gegen das Leben der Frauen richtet, das müsste ständiges Thema sein, wir wollen es jedenfalls in Zukunft zu einem ständigen Thema in Öneri machen. Wenn ich weiß, dass es Männer gibt, die aus „Ehrengründen” Frauen töten wollen, muss ich dagegen aufstehen. Wobei Gewalt gegen Frauen kein migrantisches Thema ist, das ist keine Frage der Kultur. Wenn eine österreichische Frau ihren österreichischen Ehemann verlassen will und er sie deshalb tötet, war der auch in seiner „Ehre” gekränkt. Weder Kultur noch Gewohnheiten noch Religion noch feudale Strukturen – für viele ist das ja Teil der Propaganda gegen Moslems – sind eine Entschuldigung. Es ist die Männermacht, die daran Schuld ist.

Interview: Vina Yun und Sylvia Köchl

Das Interview erschien in der Zeitung  MALMOE, Nr. 32, im Rahmen einer Kooperation mit fields of TRANSFER. (2005)


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