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Wovor hätten Menschen Angst, die außerhalb von Diyarbakir leben?

Die Verhaltensveränderung bei den Kindern macht sich in vielen Bereichen bemerkbar, z.B. wie Schlafprobleme, von denen die Mütter berichten oder das Stottern, das vielen Lehrern auffällt. Auch die Spiele der Kinder haben sich verändert. In den Pausen spielen die Kinder im Schulhof nicht mehr Fangen, sondern “Scharfschützen”. Ihre Spielhelden sind nicht mehr Spiderman & co, sondern die vier Scharfschützen, die Gerüchten zufolge in Sur kämpfen.

REVA AKKUŞ

Wien -
Ein  Jugendlicher stellt diese Frage an die Künstlerin aus Ankara bei einer Keramik-Ausstellung vor ihrem Werk, das Angst ausdrückt: Wovor hätten Menschen Angst, die außerhalb von Ankara leben? Was es bedeutet, in Diyarbakir zu leben und wie berechtigt diese Frage ist, versteht man nur, wenn man mit Menschen in dieser Stadt redet.

Diyarbakir ist eine Großstadt mit geschätzt einer Millionen Einwohnern, überwiegend Kurden, im Südosten der Türkei und hat ca. eine 9000-jährige Geschichte. Die Altstadt „Sur“ gehört seit 2015 zum UNESCO - Weltkulturerbe. Seit Tausenden von Jahren leben hier Araber, Armenier, Assyrer, Kurden, Juden, Türken und Zaza zusammen. Die Spuren dieser Multikulturalität sind in den engen Gassen der Altstadt, die mit Stadtmauern umgeben ist, zu sehen. In diesem Stadtteil „Sur“ (deutsch: Stadtmauer), wurden zwischen Ende August 2015 und 13. März 2016 zum größten Teil mehrere Ausgangssperren verhängt. Ein Teil dieses Stadtteils ist immer noch von Polizisten belagert und die Bewohner dürfen nicht hinein. Sie wissen nicht einmal, ob ihre Wohnungen noch stehen. Die Regierung von Staatspräsident Erdogan  hatte den Friedensprozess beendet, nachdem HDP – Demokratische Partei der Völker – in die Große Nationalversammlung gewählt worden war.  Die Sicherheitskräfte setzten in diesem Stadtteil, wo viele Zivilisten leben, Scharfschützen, Panzer und Raketenwerfer gegen YGDH-Kämpfer ein. Die komplette Altstadt war monatelang abgeriegelt und unter Beschuss. Der Grund dafür waren die Kämpfe zwischen den YGD-H (eine Organisation, welche von jugendlichen PKK-Sympathisanten gegründet wurde) und türkischen Sicherheitskräften. Der Auslöser für die Kämpfe war die Tötung eines zwölfjährigen Buben durch einen Polizisten, sagen die Bewohner von Sur. Es fanden irreparable Rechtsverletzungen wie das Recht auf Leben, Nahrung, Unterkunft, Gesundheit und Bildung unter dem Decknamen Ausgangssperren und Konflikte statt. Nach Aussagen der Stadtverwaltung haben schätzungsweise 50.000 Menschen von hier flüchten müssen. Diese Menschen sind größtenteils innerstaatliche Kriegsflüchtlinge, die in den 1990er Jahren aus ihren brennenden Dörfern in die Städte flohen.
 
Ich ging nach Diyarbakir um zu recherchieren, um herauszufinden, welche unterstützenden Maßnahmen den traumatisierten Kindern angeboten werden und was für einen Beitrag ich dabei leisten kann. Das Ausmaß der Traumata, aber auch das Engagement und die Solidarität der LehrerInnen und MitarbeiterInnen von NGOs war überwältigend. Ich sprach mit LehrerInnen von Egitim-Sen, der Gewerkschaft für Bildung und Bildungswerktätige. Im Jahre 2004 wurde ein Verbotsverfahren gegen diese Gewerkschaft eingeleitet, mit der Begründung, gegen die türkische Verfassung zu verstoßen, weil sie „die Verteidigung des Rechtes der Einzelpersonen auf Ausbildung in ihrer Muttersprache“ forderte.

Das Ausmaß der Traumata löste ein Gefühl der Hilflosigkeit aus, zugleich war es beeindruckend, mit was für einem Engagement, Mitgefühl und Respekt die LehrerInnen, die MitarbeiterInnen der NGOs, mit diesen Menschen arbeiteten und über sie redeten. Jede Lebensgeschichte, die erzählt wurde, wurde mit Empathie und Respekt erzählt.

Unter diesen Menschen waren die Gesprächsthemen entweder die getöteten Kinder von Verwandten, Freunden und Nachbarn oder die Folter, die man erlitten hat, oder aber auch die wirkungslosen Bemühungen, die Kinder vor Bombenlärm zu schützen. Auch wenn die Geschichten etliche Male erzählt wurden, die Sätze unzählige Male gesagt wurden, wurden ihnen so zugehört, als ob sie zum ersten Mal erzählt werden würden. Das Bemühen, den Schmerz zu teilen war sehr groß, weil der Schmerz sehr tief ist, aber auch die Wut. Die Wut richtet sich auf den Staat.

Eine Mutter, die ihre zwei Söhne im Kampf mit den Sicherheitskräften verloren hat, sagte, dass der Krieg wie eine Ohrfeige für die Seele ist. „Wenn die Kinder sterben, wird diese Ohrfeige noch schmerzhafter“ sagte sie und stellte immer wieder die Frage „Warum?“ „Wenn du hörst, dass eine Mutter ihre vier Söhne verloren hat, dann traust du dich nicht zu sagen, dass auch du deine zwei Kinder verloren hast“, sagt sie, während sie schuldig auf den Boden schaut.

Die Häufigkeit der gestellten Frage „Warum“  drückt auf einer Seite die Hilflosigkeit, auf der anderen Seite auch die Wut und den Widerstand der Menschen gegen die Regierung hier aus. Die Verluste, der Schmerz, die niedergebrannten Dörfer, die erlebten Folter  erhöhen den Widerstand gegen die Unterdrückung und des Assimilationsdruck des Staates.

Die Anzahl und die Häufigkeit der erzählten traumatischen Erfahrungen sind ein Zeichen dafür, dass dieses Gebiet seit längerer Zeit ein Kriegsgebiet ist. Die verschwundenen, verbrannten, umgebrachten Menschen, die verschiedenen Foltermethoden in den Gefängnissen, die Todesmethoden des JITEMs (ein informeller Geheimdienst der türkischen Gendarmerie, dessen Existenz vom türkischen Staat stets geleugnet wurde) sind die alltäglichen Gesprächsthemen dort. Es ist ein Teil des Lebens, einander traumatische Ereignisse zu erzählen.

Ein Mitarbeiter vom Verein ROJAVA erzählte die traumatischen Auswirkungen des Krieges am Beispiel von einem Papagei. Zugleich ist es auch eine Geschichte eines Menschen, der ein Papagei-Liebhaber ist und seinem Papagei “Heval”, was auf Kurdisch “Freund” bedeutet, genannt hat. Mit einer verbreitetetn traditionellen Liebe zu Vogelzüchterei im Südosten der Türkei brachte er seinem Papagie auch ein paar Wörter bei, wie “Roj bas”, was guten Tag bedeutet. Wie der Krieg in Sur plötzlich begann, konnte er eine Woche lang nicht in dieses Stadtviertel hinein, so auch nicht in seine Wohnung. Erst nach einer Woche, in einer kurzen Phase des Waffenstillstandes, ging er in seine Wohnung, um Heval zu holen. Heval war noch am Leben, verlor aber durch Stress all seine Federn. Er war ohne sein Federkleid allem schutzlos und auch sprachlos ausgeliefert, er verlernte all die Wörter, die er sagen konnte. In seinem Wortschatz war jetzt nur ein Wort:”Bomm!” Der Krieg nahm Heval seine Federn und seine Sprache weg. Was macht dieser Krieg mit den Kindern in einer Stadt, die vom eigenen Staat zum Kriegsgebiet erklärt wurde?

Die Kinder zeigen in ihrem alltäglichen Verhalten, wie sehr die Angst internalisiert und ein Teil des Lebens wurde: Eine Lehrerin, die im Stadtteil Sur arbeitet, erschrak und versteckte sich hinter einem Kasten, wie plötzlich Kugeln vor der Schule vorbeiflogen und sagte den Kindern, unter den Tischen Schutz zu suchen. In der Klasse, deren Klassenanzahl von 28 auf 15 gefallen war, versteckten sich nur zwei Kinder unter den Tischen. Die anderen lachten etwas und rieten ihrer Lehrerin, sich einfach daran zu gewöhnen!

Die Kinder sind jetzt imstande zu unterscheiden, ob die Quelle des Lärms eine Mine, eine Pistole oder eine Bombe ist. Die Lehrerin erzählte, dass der Schulwart vom Schulhof Patronenhülsen und Splitter von Granaten aufsammelte. Der Krieg ist alltäglich geworden, allgegenwärtig in ihren Spielen und auch in ihren Gesprächsthemen:

Ein Erstklassler, dessen Cousine von einem Schrapnell tödlich getroffen wurde, während sie in einem Laden einkaufen war, sagt, nicht mehr in die Schule gehen zu wollen, weil er Guerilla werden will. Seine Zukunftsvorstellung ist ein Guerilla zu werden, um im eigenen Land von Polizisten nicht getötet zu werden.

Kinder erzählen, dass Polizisten in die Wohnungen eindringen, die Nahrungsmittel unbrauchbar machen, indem sie sie durcheinandermischten bzw. Putzmittel hineingaben. “Die Polizisten kamen in unsere Wohnung rein und sagten uns, dass wir ihnen vertrauen sollten. Aber ich glaube ihnen nicht. Ich will Frieden” erzählte ein Kind weise.

Die Verhaltensveränderung bei den Kindern macht sich in vielen Bereichen bemerkbar, z.B. wie  Schlafprobleme, von denen die Mütter berichten oder das Stottern, das vielen Lehrern auffällt. Auch die Spiele der Kinder haben sich verändert. In den Pausen spielen die Kinder im Schulhof nicht mehr Fangen, sondern “Scharfschützen”. Ihre Spielhelden sind nicht mehr Spiderman & co, sondern die vier Scharfschützen, die Gerüchten zufolge in Sur kämpfen.

Während meines Besuches in einer Volksschulklasse sah ich Kinder, die bei jeder Frage der Lehrerin die Hand hochhoben und Fragen stellten. Die Anwesenheit eines Fremden in der Klasse lenkte sie nur kurz ab, danach richteten sie ihre volle Konzentration wieder aufs Lernen. In diesem Kriegszustand waren vor mir Kinder, die aufzeigten, Fragen stellten und ungeduldig auf die Gelegenheit warteten, die Fragen der Lehrerin zu beantworten. Diese Kinder verloren entweder ihre Wohnungen oder ihre Väter verloren ihre Arbeitsplätze bzw ihr Arbeitsmaterial wie Schubkarren, der das Einkommen der Familie bis dahin gesichert hatte. Es sind Kinder und Jugendliche, die mit den Geschichten des Krieges zwischen PKK und dem türkischen Staat in den 1990er Jahren aufwuchsen. Es sind auch viele Kinder darunter, die Verwandte, Bekannte oder Freunde in diesem Krieg verloren haben. Für diese Kinder war es normal über den Tod zu sprechen. Trotzdem konnten diese Kinder all das auf beiseite schieben und sich aufs Lernen konzentrieren. Hier entsteht eine neue Generation, die ihre Kindheit zwischen Armut und Trauma verbringen.

Was ist eine Trauma?

Trauma ist eine Reaktion auf schwerwiegende, belastende Lebenserfahrungen, die sich auf psychischer und körperlicher Ebene bemerkbar macht. Traumatisch ist ein Ereignis, wenn der Schutz unserer seelischen oder körperlichen Integrität zusammenbricht oder Anpassungsstrategien überwältigt werden. Der Mensch fühlt sich ausgeliefert, hilf- und machtlos. Die Überflutung des Gehirns im Rahmen einer überwältigenden Stressreaktion behindert die angemessene Verarbeitung des Erlebten, in der Folge kann der Betroffene die gemachte Erfahrung nicht wie gewohnt in seinen Erlebnisschatz integrieren und dann wieder Abstand davon gewinnen. ICD 10 definiert Trauma als”ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmasses, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (WHO 2000 169). Ein traumatisches Ereignis kann Gefühle wie extreme Angst, Furcht, Entsetzen und Hilflosigkeit auslösen. Kinder und Jugendlichen haben ein erhöhtes Risiko, eine Störung zu entwickeln. Sie sind besonders vulnerabel, da sie in ihrer Entwicklungsphase mit vielen physischen und psychischen Veränderungen umgehen müssen. Gesellschaftliche bzw. politische Auswirkungen massenhafter kollektiver Gewalt wie gewaltsame Vertreibung, Folter, “Verschwindenlassen” von Menschen, wird als kollektives Trauma definiert. Es gibt kein kollektives Trauma ohne kollektives Gedächtnis. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass Gesellschaften drei Generationen brauchen, um einen Krieg zu verarbeiten.

Reaktionen auf ein Trauma können unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis, Tage danach und sogar Jahre später auftreten. Traumatisierungen können schwerwiegende Kurz- und Langzeitfolgen nach sich ziehen. Die Kinder reagieren mit den ihrem Entwicklungsstand zugehörigen Verhaltensweisen. Sie können veränderte Einstellungen zu Menschen, zum Leben und zur Zukunft haben und auch Verlust des Vertrauens und negative Erwartungen an das Leben.

Eine emotionale Reaktion (Angst, Depression, Rückzug oder Wut) kann unmittelbar nach dem tragischen Ereignis auftreten oder auch einige Zeit später.

Kinder, die Verfolgung, Krieg oder ähnliche Katastrophen miterlebt haben, brauchen eine hilfreiche Unterstützung durch Eltern und Lehrer, um dauerhafte emotionale Störungen zu vermeiden. Die Eltern und auch die LehrerInnen sind jedoch selbst den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt. In einer Gegend, wo der Krieg zum Alltag gehört, wo die Bewohner in den Augen der Regierung seit vielen Jahren als Terroristen gelten, ist der Bedarf nach einem Zentrum für Traumatisierte (und gefolterte Menschen) sehr groß.


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